Wie mir mal Männlichkeit beigebracht wurde und ich sie wieder verlernen musste

[CN/TW: Sexualität]

Als Kind wurden mir von meinen Eltern nie grosz Geschlechterollen beigebracht, dafür bin ich dankbar. Nachdem ich eine Kaspertheater-Schallplatte oft hörte, wollte ich mal Jutta heiszen, weil ich den Namen schön fand, und hab auch gar nicht verstanden wieso das komisch sein könnte. Elter fand das zwar witzig aber hat nicht gesagt, dass das nicht ginge (auch wenn die mich nie so genannt haben).

In der Schule habe ich dann langsam "Männlichkeit" beigebracht bekommen die ich leider lange Zeit stark verkörperte und ich habe viel zu lange gebraucht um sie wieder zu entlernen.

Ich erinnere mich daran meine Eltern mal gefragt zu haben ob das von Mitschülern benutzte Wort "bumsen" Sex zwischen Männern meint. Denn ich kannte bisher das Wort "Sex" (und ich glaube auch "ficken"), das für "zwischen Mann und Frau" im Sinne von Penis in Scheide steht, wie es mir beigebracht wurde.
Ich fand es vollkommen logisch dass eine andere Version des Wortes für "zwischen Mann und Mann" steht (und damit habe ich als Kind natürlich zwei Penisse verbunden, da mir leider nie jemand trans beibrachte).
Dann halt in den Po oderso? Und das obwohl mir meine Eltern, soweit ich weisz, nie beigebracht haben, dass das geht!

Auch hab ich sowohl im Kindergarten, als auch in der 1./2. Klasse viel mit Kindern beliebigen Geschlechts gespielt, vermutlich mehr Mädchen (bzw. so gelesene), das hab ich spätestens ab der dritten Klasse mit Schulwechsel abgewöhnt bekommen.

Dennoch hat es schon im Kindergarten angefangen, dass ich "Männlichkeit" gelernt habe, ich habe mich oft mit anderen Kindern (im Spasz) gerauft und hab auch meistens gewonnen weil ich tatsächlich stark war und ich fand dieses Attribut wichtig. Ich fand es positiv stärker und lauter als die anderen Kinder zu sein und das in Wettkämpfen zu beweisen.
Ich erinnere mich daran, dass ich mich mindestens bis in die zweite Klasse damit brüstete das stärkste Kind der Klasse zu sein.

Nachdem ich "Herr der Diebe" gelesen habe, hatte ich lange den Wunsch später eine Glatze und einen roten Vollbart zu haben (dass ich den dazu nichtmal färben müsste hätte ich nie erwartet), da ich die Attribute (an der Figur Barbarossa) "cool" fand.

Ab etwa der dritten Klasse fand ich es dann auch zunehmend cool frauenverachtende Witze zu machen. Ich habe den "Bier ist geil"-Humor beigebracht bekommen und ihn voller Freuden reproduziert ohne dass ich je viel oder teils überhaupt Alkohol getrunken habe.

In der vierten Klasse hatte ich mal total das Bedürfnis einen Jungen zu küssen und mehr oder weniger einen Crush auf ihn für eine Weile. Ich habe Jahre gebraucht um auch nur zu kapieren, dass das gar nicht in mein "Ich bin hetero" Bild reinpasste. Meine erste Liebe (Regelmäszig gesehen von Kindergarten bis 2. Klasse, Gefühle noch bis 5. oder 6. Klasse gehabt) war ein Mädchen und die Vorstellung von Sex mit der Person hat mich als Kind schon erregt also musste das ja passen oder? (Ich erinnere mich mal in der zweiten Klasse oderso von ihr gegrätscht worden zu sein und ich nachdem sich unsere "Hosenmitten" berührten eine Erektion hatte.)

Naja, jedenfalls hab ich dann über die Jahre immer mehr Männlichkeits-Stereotype vertreten und etwas in mir schämt sich zutiefst für diese Zeit.

Dieses übertrieben heteromännliche Selbstbild, mit entsprechendem Humor und gedacht "coolem" Verhalten und vielen anderen Facetten habe ich glaube ich bis ich etwa 14/15 war nicht sonderlich in Frage gestellt und es hat mich eine ganze Weile gekostet bis ich es nach und nach geschafft habe, unter anderem durch Hilfe von Twitter zu dem eigentlichen Ich hin-, bzw. in Teilen zurückzufinden.

Danke dafür ♥

comments powered by Disqus